Samir erwachte mit pochenden Kopfschmerzen und einem Kratzen im Hals, das sich bei jedem Schlucken wie Schmirgelpapier anfühlte. Ein Blick auf das Thermometer bestätigte seinen Verdacht: Er war ernsthaft krank.
In Deutschland, das hatte er glücklicherweise schon bei seiner Einstellung gelernt, reichte es nicht aus, einfach nicht zur Arbeit zu erscheinen. Man musste sich unverzüglich, am besten vor Arbeitsbeginn, beim Vorgesetzten und der Personalabteilung krankmelden. Er verfasste eine knappe, aber formelle E-Mail, um seine Abwesenheit anzukündigen.
Nun stand er vor der nächsten bürokratischen Hürde: dem ärztlichen Attest. Obwohl sein Vertrag besagte, dass er erst am dritten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) benötigte, wollte er kein Risiko eingehen.
Der Weg zur Hausarztpraxis fühlte sich an wie ein Marathon. Am Empfang wurde er von einer gestressten medizinischen Fachangestellten empfangen. "Sind Sie Patient bei uns? Haben Sie Erkältungssymptome? Dann müssen Sie draußen warten, bis die Infektsprechstunde beginnt", wies sie ihn resolut an, nachdem sie seine Versichertenkarte eingelesen hatte.
Eineinhalb Stunden später saß Samir fröstelnd im Behandlungszimmer. Der Arzt wirkte gehetzt, war jedoch professionell. Nach einer kurzen, routinierten Untersuchung stand die Diagnose fest.
"Eine klassische Virusinfektion", erklärte der Arzt. "Für mich eine Bagatelle, für Sie unangenehm. Sie müssen sich zwingend schonen. Ich stelle Ihnen eine eAU bis einschließlich Freitag aus. Die Daten werden automatisch an Ihre Krankenkasse übermittelt."
Samir erinnerte sich an Schauergeschichten von Kollegen, die noch vor wenigen Jahren mit hohem Fieber zur Post schleichen mussten, um den berühmten "Gelben Schein" rechtzeitig an den Arbeitgeber und die Krankenkasse zu schicken.
"Ich muss also meinem Arbeitgeber nichts Physisches vorlegen?", fragte Samir sicherheitshalber nach.
"Korrekt", bestätigte der Arzt. "Sie müssen Ihrem Chef lediglich mitteilen, von wann bis wann Sie krankgeschrieben sind. Den Rest ruft die Personalabteilung digital ab. Und jetzt ab ins Bett mit Ihnen."
Mit einem Rezept für ein paar lindernde Lutschtabletten verließ Samir die Praxis. Die deutsche Gründlichkeit gepaart mit neuer Digitalisierung hatte ihm in diesem Fall tatsächlich das Leben leichter gemacht.