Gentian stand in der kleinen Küche und sah auf die offene Pizzaschachtel. Es roch nach altem Käse. Unter dem Schrank lag ein kleines Stück Brot – er war schon fast ein Teil der Küche. Er wollte die Pizzaschachtel einfach wegwerfen.
Als er die Schachtel vom Boden aufheben wollte, passierte etwas in seinem Rücken. Hart. Scharf. Er konnte nicht mehr atmen und fiel auf den Boden.
„Scheiße…", sagte er leise. Er atmete langsam, sein Gesicht lag auf den kalten Fliesen. Sein Gesicht war heiß und nass von Schweiß.
Er versuchte aufzustehen, aber der Schmerz kam sofort zurück. Sein Handy lag auf dem Tisch, nur einen Meter entfernt – aber er konnte es nicht erreichen.
Nicht jetzt. Nicht jetzt.
Er streckte den Arm aus. Seine Finger zitterten. Langsam, sehr langsam, zog er das Handy zu sich.
Der Bildschirm leuchtete auf.
112
Und dann kamen die Gedanken – schnell, laut, ungeordnet.
„112... Soll ich anrufen? Was, wenn es nur ein kleiner Schmerz ist? Was, wenn sie kommen und sagen: Warum haben Sie uns angerufen? Wer sagt, was ein Notfall ist? Vielleicht muss ich mich nur kurz hinlegen..."
Mit zitternden Fingern rief er Max an.
„Gentian? Was ist los? Warum atmest du so?", fragte Max sofort. Seine Stimme war hoch und nervös.
„Mein Rücken… ich liege auf dem Boden… ich kann nicht aufstehen", sagte Gentian. Seine Stimme war leise und schwach.
„Was?! Seit wann? Warum hast du nicht früher angerufen?", rief Max. Man hörte Schritte – schnell und laut. „Verdammt… kannst du die Beine bewegen?"
Gentian nickte, aber Max konnte es nicht sehen. „Ja… aber es tut weh. Ich weiß nicht, ob ich die 112 anrufen soll."
„Oh, Mann! 112 ist zu viel!", rief Max. „Krankenwagen, ein Team, alles. Das brauchst du nicht."
Man hörte ein Geräusch, als würde Max sich durch die Haare fahren.
„Hör zu: Ruf die… warte… 116… oder 117? Mist… nein, warte: 116 117. Ja, genau. 116 117. Ich habe diese Nummer selbst mal benutzt."
Gentian schloss die Augen. „116… was?"
„116 117! Schreib es ein. Jetzt. Bevor du wieder etwas anderes machst."
Gentian legte auf und tippte die Nummer langsam ein.
1-1-6-1-1-7.
Die Stimme am Telefon war ruhig. Sie stellte Fragen – einfache Fragen, die er antworten konnte, ohne sich zu bewegen.
„Wir schicken jemanden zu Ihnen, Herr Gentian. Bitte bleiben Sie liegen. Es kann etwas dauern."
Dann war es still.
Die Zeit ging sehr langsam. Sein Atem war flach. Ein Auto fuhr draußen vorbei, dann noch eins. Irgendwo im Haus lief jemand die Treppe runter. Die Uhr in der Küche machte tick-tack – laut, hart, immer weiter. Er wollte nicht auf die Uhr sehen. Er sah trotzdem hin.
Er versuchte, sich zu bewegen, aber der Schmerz kam sofort zurück. Er stöhnte leise. Die Fliesen unter seiner Wange wurden immer kälter. Die Wohnung fühlte sich größer an als sonst – und gleichzeitig leerer.
Nach sehr langer Zeit – vielleicht zwei Stunden – hörte er Schritte im Treppenhaus. Dann klingelte es.
Er bewegte sich langsam zur Tür, seine Fingernägel kratzten über das Holz. Er drehte das Schloss auf und fiel dann wieder auf den Boden.
Kurz danach kniete der Arzt neben ihm. Kein Lärm, kein Drama – nur ruhige Hände, die wussten, was sie tun mussten. Die Spritze half schnell, und Gentian konnte sich wieder bewegen. Langsam, aber sicher.
Später saß er auf dem Sofa. Er legte seine Krankenkassenkarte auf den Tisch. Seine Finger lagen kurz darauf – warm auf dem kalten Plastik. Es war nur ein Name und eine Nummer auf blau-weißem Plastik. Aber in diesem Moment fühlte es sich an wie etwas Wichtiges. Wie ein Anker.
Er atmete tief ein. Der Schmerz im Rücken war jetzt kleiner.
Er stand langsam auf, ging in die Küche, nahm die Pizzaschachtel – und warf sie in die richtige Tonne.
Gelbe Tonne.
Natürlich.